Das Stone-Archiv
Den internationalen Fotosammlern, denen in den letzten Jahren wenige marktfrische, ansprechende Werke angeboten wurden, steht eine Überraschung ins Haus: die Versteigerung im Pariser Vorort Argenteuil am 4. Juni des bis dato verschollenen Archivs von Cami und Sasha Stone. Die Avantgarde-Fotografen der zwanziger und dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts und Pioniere der auf Bildjournalismus und Reklame angewandten Kamerakunst standen theoretisch und ästhetisch dem Bauhaus und der Neuen Sachlichkeit nahe. Sasha Stone war mit Erwin Piscator, Hans Richter, Raoul Hausmann und Walter Benjamin befreundet und Mitglied der konstruktivistischen G-Gruppe. Die rund 800 zum Grossteil unbekannten Fotos dürften auf dem ausgedünnten Markt einiges Potenzial haben.
Cami Stones (1898-1975) Neffe hatte das Archiv mit seiner Tante gemeinsam im Zweiten Weltkrieg gerettet und bis jetzt aufbewahrt. Bisher wurde einzig ein Konvolut von etwa 50 Abzügen mit Architektur- und Stadtfotografien angeboten. Überdies tauchten in den letzten Jahren auf französischen Fotoauktionen höchstens jeweils 2, 3 Aktaufnahmen, Variété- oder Clownfotos unter dem Namen Sasha Stone auf.
Dank den von Cami Stone seit der Gründung des Ateliers Stone 1924 in Berlin minuziös geführten Karteikarten, die ebenfalls zur Versteigerung kommen, konnte die bisher schwierige Zuschreibung von etwa 60 000 Fotos eindeutig vorgenommen werden. Die Auktion dient somit auch der Rehabilitierung von Cami Stone, die als Wilhelmine Camille Honorine Schammelhout in Belgien geboren wurde. Nach einem Aufenthalt in New York, wo sie eine Import-Export-Firma gründete und 1918 einen reichen Bankier heiratete, der einige Monate später spurlos verschwand, kam sie nach Berlin in den Künstlerkreis von Sasha Stone. Dieser wurde als Aleksander Serge Steinsapir 1895 in Sankt Petersburg geboren und in Warschau zum Ingenieur ausgebildet. Er verbrachte einige Jahre in New York, wo er die amerikanische Staatbürgerschaft annahm und das Pseudonym Sasha Stone wählte. Nach einem Bildhauer- und Malerstudium in Paris und Berlin bezeichnete er sich selbst als Experten auf den Gebieten Reklame, Architektur, Industrie, Illustration, Film, Bühne und Schaufenster.
In der Tat liegen etwa 500 Berlin-Stadtansichten von stupender Modernität vor. Cami fotografierte viele andere deutsche Städte (etwa 300 Fotos). Sashas Schaufenster-Ansichten zeugen von einer haarscharfen, oft humorvollen Beobachtungsgabe. Berühmt sind die Stones für ihre Aktfotos und ihren Fotoband „Nus femme“ der 1933 in Paris erschien. Cami erhielt 1932 in Brüssel für ein Aktfoto den Fotografie-Preis. Da sich das Paar 1939 trennte, verlor sich die Spur der beiden, weil Cami wieder ihren Mädchennamen annahm und Sasha 1939 auf der Flucht in die Vereinigten Staaten in Perpignan verstarb.
Quelle: Neue Zürcher Zeitung











